05. September 2008

Armenien-Türkei und die Politik

Es ist doch nur ein Spiel

Text: Dorte Huneke  Bild: Imago

Der türkische Staatspräsident Abdullah Gül fliegt zum WM-Qualifikations-Spiel nach Armenien und hat die Friedenspfeife im Gepäck. Bei allen politischen Verwicklungen beteuern die Beteiligten: Um Fußball geht es aber auch.

Es ist doch nur ein Spiel


Kleines Spiel, große Wirkung. Tage lang spekulierte die Öffentlichkeit in der Türkei und im Nachbarland Armenien darüber, ob der türkische Staatspräsident Abdullah Gül die Einladung seines Amtskollegen nach Eriwan annehmen und am Samstag das WM-Qualifikationsspiel in einer Ehrenloge des Hrazdan-Stadion anschauen würde – und ob das überhaupt eine gute Idee ist.

Anzeige



Die Grenze zwischen der Türkei und Armenien ist seit 1993 dicht. Es gibt keine diplomatischen Beziehungen – abgesehen von ein paar mehr oder weniger heimlich abgehaltenen Treffen auf neutralem Boden. Jetzt ist klar: er kommt. Wobei das Zögern im armenischen Volk keine Sympathien gebracht hat. Von offizieller Seite werden derweil eifrig Friedensbotschaften gestreut: Präsident Sersch Sarkissjan erklärte, von ihm aus könne das Treffen eine Basis zur Verbesserung der bilateralen Beziehungen schaffen. Aus Liebe zum Spiel wurde außerdem in der ersten September-Woche für alle türkischen Staatsbürger die Visumspflicht aufgehoben – woraufhin die private türkische Airline »Atlasjet« die Preise für Flüge nach Armenien gleich mal verdoppelte. Die staatliche Fluglinie fliegt ohnehin nicht.

Der Berg-Karabach-Konflikt und die G-Frage

»Wir ziehen nicht in den Krieg«, versuchte der türkische Nationaltrainer Fatih Terim gegenüber der türkischen Sportzeitung Fanatik das Interesse wieder auf den Sport zu lenken. Die türkischen Kolumnisten beschäftigt aber eher die Frage, ob Gül nach dem Gespräch mit Sarkissjan noch ins Stadion kommt. Schließlich haben die beiden alte Streitthemen zu besprechen: den Berg-Karabach-Konflikt und die G-Frage. In der Türkei verbietet Artikel 301 des Strafgesetzbuches, die Ereignisse im Jahre 1915 als Genozid zu bezeichnen, während die armenische Regierung von der Türkei das Eingeständnis eines Völkermords fordert und erst 2005 das türkische Angebot ablehnte, eine gemeinsame Historiker-Kommission zur Klärung einzuberufen. Zweiter Reibungspunkt ist der Berg Karabach, eine armenische Enklave, die völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehört. Seit Anfang der 1990er Jahre Armenien sich in einem kurzen Krieg die Region unter den Nagel gerissen hat, hält die Türkei die Grenze dicht. Dass man jetzt neu verhandeln will, hängt, neben dem Fußballspiel, mit der Krise im Südkaukasus zusammen. So sollte eine wirtschaftlich lukrative Bahnstrecke vom türkischen Kars nach Aserbaidschan eigentlich den Umweg über Georgien nehmen. Möglicherweise erwägt man nun doch den kürzeren Weg durch Armenien.

Die türkischen Medien werben jedenfalls für Freundschaft mit Armenien und berichten über Land und Leute, als wäre die Gegend gerade erst auf der Landkarte entdeckt worden. Die Sportsendungen geben sich vergleichsweise verhalten. Diverse Verletzungen unter den türkischen Nationalspielern – und die wach gerufenen Erinnerungen an das EM-Spiel gegen Deutschland – haben der Siegesgewissheit einen Dämpfer verpasst. Selbst Nationaltrainer Terim äußert sich vorsichtig: »Armenien ist ein starkes Team, wenn sie zu Hause spielen. Mannschaften wie Portugal oder Polen könnten es mit ihnen dort nicht aufnehmen.« Vorhaben ist jedoch trotzdem, die Gruppenspiele mit einem Sieg zu beginnen. Von der politischen Aufregung will er nichts wissen:»Wir machen eine Sportveranstaltung, die Menschen verschiedener Länder zusammen bringt. Wir interessieren uns für Politik, haben selbst aber kein politisches Anliegen.«

Die nationalistische Dashnaksutyun Partei kündigte derweil Proteste gegen den türkischen Staatsbesuch an. Giro Manoyan, ein Sprecher der Partei, erklärte gegenüber der Turkish Daily News: »Wenn wir an der Macht wären, hätten wir niemals so eine Einladung an Gül ausgesprochen.«

In der Türkei leben Zehntausende Menschen armenischer Abstammung. Für Aris Nalci von der armenisch-türkischen Wochenzeitung Agos ist das Spiel von historischer Bedeutung. Weil nicht nur eine Begegnung der Länder auf dem Rasen, sondern erstmals auch auf staatlicher Ebene statt findet. »Dieses Spiel zwischen der Türkei und Armenien wird den Samen für ein zukünftiges Bündnis pflanzen.«

Der Trainer des armenischen Teams Sargis Hovsepyan, im Osten der Türkei geboren, äußerte gegenüber dem türkischen Massenblatt Hürriyet die Hoffnung, dass beide Teams von allen Fans mit standing ovations empfangen werden. Das türkische Team sei herausragend; diese Größe habe aber nichts mit politischen Einstellungen zu tun. »Wir sind nur Menschen, wir spielen Ball. Politik – das machen die anderen.«






Kommentare

Logge Dich ein, um einen Beitrag zu schreiben!