Bochums Nordkoreaner Jong Tae-Se
Die Abrissbirne
Text: Fabian Jonas Bild: Imago
Jong Tae-Se ist Nordkoreas einziger Star. Jetzt hat der WM-Teilnehmer beim VfL Bochum unterschrieben. In unserem Sonderheft zur Weltmeisterschaft in Südafrika stellten wir ihn vor. Und erzählten seine außergewöhnliche Geschichte.
Spitznamen hat der Mann genug. Ein paar davon haben mit Wayne Rooney zu tun. »Der Wayne Rooney Asiens«, »der Wayne Rooney des Volkes«. »The People’s Wayne Rooney«, eine Anspielung auf das Land, für das er international antritt: The Democratic People’s Republic of Korea. Nordkorea
also. Doch der Mann, der für Kawasaki Frontale in Japans J. League spielt, weist die-
se Vergleiche von sich, die technischen Fähigkeiten Rooneys habe er nicht. Ein Zeichen
von Bescheidenheit ist das aber nicht unbedingt, er findet nur eben, dass er mit seinem Stil eher Didier Drogba ähnele. Er ist schnell, er ist wuchtig, er kann aus allen Lagen schießen. Vor allem aber hat er überhaupt kein Problem damit, wenn gleich zwei Verteidiger an ihm kleben. Jong Tae-Se in guter Form bringt den Ball trotzdem im Tor unter. Ein weiterer Spitzname, der diese Urge
walt belegt: »die menschliche Abrissbirne«.

Probleme gibt es eigentlich nur zwei: Zum einen weiß er selber nicht so recht, wie gut er ist, weil man seine bisherigen Gegenspieler in der J. League oder bei Länderspielen im asiatischen Raum meist nicht unbedingt in die Weltklasse einordnen würde. Zum anderen ist Jong Tae-Se nicht immer gut in Form. Auch nicht in der Nationalmannschaft. In seinen ersten beiden Spielen schoss er gleich acht Tore. Beim Ostasien-Cup 2008 folgten zwei weitere in drei Partien. Seitdem kamen nur noch zwei dazu. Er weiß das. Im Interview mit fifa.com bekannte er, dass er unbedingt an seiner Konstanz arbeiten müsse, seine Formschwankungen finde er selbst indiskutabel.
Eine Mannschaft, fast ohne Legionäre
Trotzdem ist er der Schlüsselspieler der nordkoreanischen Elf, die sich hauptsächlich aufs Verteidigen versteht und beinahe ausnahmslos über Konter zum Erfolg kommt. Dann ist Tae-Se der Mann, der entweder schnell den Abschluss sucht oder den Ball hält, bis die Kollegen nachgerückt sind, vor allem Yong-Jo Hong vom russischen Verein FK Rostov, der zweite Star einer Mannschaft, die kaum Legionäre in ihren Reihen hat.
Dabei hätte Jong Tae-Se beinahe gar nicht für Nordkorea auflaufen dürfen. Er wurde 1984 in Japan geboren und hat nie woanders gelebt. Seine Mutter ist Nordkorea-nerin, sein Vater wurde ebenfalls in Japan großgezogen, begreift sich aber als Nordkoreaner, wie der Sohn der amerikanischen Nachrichtenagentur AP mitteilte. Er selbst hatte ursprünglich einen südkoreanischen Pass. Als er den in der Botschaft in Tokyo abgeben wollte, um für den kommunistischen Norden die bunten Schuhe schnüren zu dürfen, lehnten die Behörden sein Ansinnen zunächst umgehend ab. Da die beiden koreanischen Staaten einander nicht anerkennen, wäre Tae-Se andernfalls staatenlos geworden. Ginge nicht, meinte die Behörde. Erst nach einigen Mühen und Diskussionen auf diplomatischer Ebene erhielt der Stürmer doch noch die Papiere und damit auch die Freigabe der FIFA.
Aus Heft#103 06/2010
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