So entstand »FC St. Pauli – Das Buch«
»Eine Art Detektivarbeit«
Interview: Andreas Bock Bild: Hoffmann und Campe
Heute lesen Michael Pahl und Christoph Nagel, Autoren des großartigen Jubiläumsbuches »FC St. Pauli. Der Verein und sein Viertel«, am Millerntor. Wir sprachen mit ihnen über verschwundene Dokumente und Ponyhöfe.
Christoph Nagel und Michael Pahl, stimmt es eigentlich, dass St. Pauli-Fans in den späten siebziger Jahren im Mannschaftsbus zu Auswärtsspielen mitfuhren?
Michael Pahl: Das stimmt. Als dem FC St. Pauli 1979 die Lizenz entzogen wurde, musste der Klub in der 3. Liga neu anfangen. Die finanzielle Lage war ein Desaster. Deshalb verkaufte die Klubführung um Präsident Wolfgang Kreikenbohm Sitzplätze im Mannschaftsbus. Hinten saßen dann die biertrinkenden und feiernden Fans, vorne die Spieler. Wolfgang Kreikenbohm hat öfter solche unkonventionellen Ideen gehabt.
Christoph Nagel: Vor der Saison 1980/81 hielt die Mannschaft ein Trainingslager auf seinem Ponyhof in Schleswig-Holstein ab, weil der Klub immer noch blank war. Es war einfach kein Geld für Trainingslager auf den Balearen oder sonstwo vorhanden. Also trainierte das Team in der Reithalle: im tiefen Voltigiersand und mit dem Geruch von Pferdedung in der Nase.
Zum 100-jährigen Jubiläum des Klubs ist gerade euer Buch »FC St. Pauli. Das Buch« erschienen. Ein Standardwerk über den Verein und seinen Stadtteil. War es schwierig, für dieses Buch Anekdoten wie diese zu recherchieren und Material zusammenzutragen?
Michael Pahl: Es war insofern schwierig, als dass es beim FC St. Pauli kein wirkliches Archiv gibt. Glücklicherweise konnten wir auf Material von Dieter Rittmeyer zurückgreifen, der so etwas wie der inoffizielle Archivar des Klubs ist, doch ansonsten mussten wir unser Material an den verschiedensten Stellen zusammensuchen. Was natürlich auch eine sehr spannende Sache ist, eine Art »Detektivarbeit«. Viele Dokumente, Fotos und Zeitungsausschnitte haben wir auch von ehemaligen Spielern und Trainern und ihren Angehörigen bekommen.
Christoph Nagel: Wir haben mit etwa 90 aktuellen und ehemaligen Spielern, Trainern und Funktionären gesprochen. Dazu noch mit derselben Menge an Leuten aus dem Umfeld, von Fans über Vereinsmitarbeiter bis zu Bewohnern aus dem Viertel. In den zwei Jahren kamen so mehrere hundert Stunden Interviews und eine ziemlich große Menge an Dokumenten zusammen.
Michael Pahl: Manchmal hatten wir auch einfach Glück. So haben wir in einem Gymnastikspind beim Vorgängerklub, dem Hamburg-St.Pauli-Turnverein, Protokollbücher gefunden, in denen die Zeit von 1896 bis 1914 dokumentiert ist. Die waren mit einer Schimmelschicht überzogen. Und da sie in Sütterlin geschrieben waren, mussten wir sie erstmal transkribieren. Doch die Arbeit hat sich gelohnt, denn eine ganze Reihe von Aspekten haben sich uns danach neu dargestellt. So erfuhren wir etwa, dass schon 1899 auf St. Pauli Fußball gespielt wurde, deutlich früher als bisher angenommen. Oder dass 1913 die erste lebenslange Dauerkarte vergeben wurde, und zwar an das honorige Mitglied Amandus Vierth. Das war der Mann, der auch die braun-weißen Vereinsfarben »erfunden« hat.
Seid ihr auch in den Jahren nach der Einführung der Bundesliga auf unbekannte Geschichten gestoßen?
Christoph Nagel: Da gab es tatsächlich eine Reihe von neuen Entdeckungen. Die Geschichte zur ersten vorzeitigen Trainerentlassung der Vereinsgeschichte zum Beispiel. Das war seinerzeit Kurt Krause, 1967. Offiziell hieß es, der Trainer habe die Mannschaft nicht mehr erreicht und in seinem Engagement nachgelassen. Verschiedene Zeitzeugen bestätigten uns aber, dass Krause eine zu große Nähe zum Kiez vorgeworfen wurde: So war Krause mit einem Nachtklubbesitzer befreundet, den er regelmäßig in seinem Etablissement besuchte und mit dem er gerne mal um die Häuser zog. Das war der damaligen Klubführung eindeutig zu viel. Der Verein lag zwar geografisch sehr nah am berühmten »Star-Club«, am Kiez, dem Hafen, an den ganzen Spelunken, aber er war noch meilenweit davon entfernt, das Kiez-Image positiv für sich zu nutzen, so wie er das heute tut.
Michael Pahl: Das illustriert, dass der Verein sich damals noch anders sah. In den sechziger Jahren hatten die Reeperbahn und der Stadtteil St. Pauli natürlich auch noch ein verruchteres Image. Leute aus gutbürgerlichen Stadtteilen schauten jedenfalls ziemlich besorgt drein, als sich ihre Kinder auf einmal in Richtung »Star-Club« aufmachten – zum Teil ganz brav angezogen in Konfirmandenanzug und Kleidchen, aber eben in eine »ganz schlechte Ecke«.
Kam es während eurer Interviews auch vor, dass der »Mythos FC St. Pauli« von Zeitzeugen entzaubert wurde?
Christoph Nagel: Kaum – und das hat uns ehrlich gesagt selbst fast ein bisschen überrascht. Der Grad an Identifikation mit dem Klub war oft sogar höher, als wir erwartet hätten. Deutlich wurde, dass das Familiäre des Klubs schon in den fünfziger Jahren sehr stark ausgeprägt war. Der ehemalige Spieler Otmar Sommerfeld, Rekordspieler der damaligen Oberliga Nord und ein Liebling der Hafenarbeiter, lobte zum Beispiel sehr stark die Gemeinschaft im Klub. Aber auch viele aktuelle Profis wie Fabio Morena, Fabian Boll oder Thomas Meggle sprachen in einer Weise über den FC St. Pauli, dass wir merkten, wie sehr ihnen der Verein am Herzen liegt. Eine Entzauberung hat jedenfalls nicht stattgefunden.
Michael Pahl: Natürlich gab es auch kritische Stimmen – es ist in der Vereinsgeschichte ja auch einiges danebengegangen. Markus Lotter etwa, der 2001 mit dem Klub in die Bundesliga aufstieg, war sehr enttäuscht von der Zeit danach: Zunächst hieß es ja, die Spieler, die den Aufstieg geschafft hatten, würden auch in Liga eins spielen. Trainer Dietmar Demuth sagte: »Die, die das Haus mit aufgebaut haben, können auch mit einziehen.« Die Spieler fanden sich also plötzlich ganz dicht an ihren Träumen – und viele wurden dann trotz dieser Versprechungen nicht eingesetzt. Da kann man natürlich den Frust von Lotter und anderen verstehen.
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Haltungsnote eins: Bevor kiezkickende »Fußlümmel« (so ein zeitgenössisches Schmähwort) das Heiligengeistfeld eroberten, war Hamburgs größte Freifläche fest in Turnerhand. 1903 demonstriert eine Riege des Hamburg-St. Pauli-Turnvereins, Vorgänger des FC St. Pauli, was sich mit Fahnen und Fahrrädern so alles anstellen lässt. (Foto: FC St. Pauli. Das Buch.)






